Die Ernte stimmt – die Rechnung nicht
Bauernverband warnt vor wachsendem Druck auf die Landwirtschaft
Sietow. Die Ernte in Mecklenburg-Vorpommern fällt in diesem Jahr insgesamt durchschnittlich aus – mit teils erheblichen Unterschieden zwischen den Regionen. Während die Witterung vielerorts ordentliche Erträge erwarten lässt, verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage zahlreicher landwirtschaftlicher Betriebe weiter. Sinkende Erzeugerpreise treffen auf anhaltend hohe Produktionskosten. Gleichzeitig stellen häufigere extreme Wetterlagen die Landwirtschaft vor wachsende Herausforderungen.
„Die Ernte fällt regional sehr unterschiedlich aus – der Standort und die Menge der gefallenen Niederschläge entscheidet. Doch selbst dort, wo die Erträge stimmen, geht die Rechnung für viele Betriebe nicht mehr auf. Genau diese Entwicklung bereitet uns große Sorgen“, sagt Bauernpräsident Karsten Trunk auf der traditionellen Erntepressekonferenz des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern.
Mehr Hitzeperioden und Starkregen
Die Aussaatbedingungen im Herbst 2025 waren günstig. Das Frühjahr entwickelte sich vielerorts jedoch zu trocken. Die Niederschläge im Mai und Juni stabilisierten die Bestände zwar, fielen regional aber sehr unterschiedlich aus. Besonders im Osten und Norden Mecklenburg-Vorpommerns gingen die Bodenwasservorräte teilweise deutlich zurück. Auch die weiteren Witterungsverläufe hinterließen Spuren. Nachtfröste im April bremsten zunächst die Entwicklung vieler Kulturen. Die Hitze Ende Juni verkürzte insbesondere beim Winterweizen die Kornfüllungsphase und damit die Zeit für die Einlagerung von Stärke und Eiweiß. „Unsere Betriebe erleben immer häufiger extreme Wetterlagen. Längere Trockenphasen, Hitzeperioden und Starkregen wechseln sich zunehmend ab und stellen den Ackerbau vor große Herausforderungen. Darauf reagieren wir mit angepassten Anbauverfahren, wassersparenden Methoden und vielfältigeren Fruchtfolgen“, so Bauernpräsident Trunk.
Winterweizen bleibt die Nummer eins
Bei den Feldfrüchten auf den Äckern in Mecklenburg-Vorpommern hat sich wenig geändert. Winterweizen bleibt mit rund 295.000 Hektar die wichtigste Kultur des Landes, gefolgt von Winterraps und Wintergerste. Zuwächse verzeichnen Futtererbsen und Ackerbohnen, während die Anbauflächen von Winterroggen, Triticale und Zuckerrüben weiter zurückgehen.
Die Ertragserwartungen der Landwirtinnen und Landwirte für das aktuelle Jahr liegen insgesamt auf einem durchschnittlichen Niveau – allerdings mit deutlichen Unterschieden je nach Standort. Wo ausreichend Niederschlag gefallen ist und die Böden Wasser speichern konnten, sind die Aussichten deutlich besser als in trockenen Regionen.
Gute Wintergerste – Sorgen beim Raps
Wie unterschiedlich die Saison auf den Betrieben verläuft, zeigt der Blick auf die Agrargesellschaft Sietow. Die ersten Druschergebnisse bei der Wintergerste machen Betriebsleiter Jan-Hendrik Rust Mut. „Mit der Wintergerste bin ich sehr zufrieden. Auf den leichteren Standorten haben wir Erträge von bis zu 100 Doppelzentnern je Hektar“, sagt Rust. Die Niederschläge im April und Mai hätten den Beständen deutlich geholfen. Für einen Großteil der Wintergerste habe der Betrieb bereits frühzeitig Vermarktungskontrakte abgeschlossen. „Das verschafft uns bei dieser Kultur Planungssicherheit.“ Doch die Erleichterung währt nur bedingt. Beim Winterweizen könnte die Hitzephase Ende Juni die Bestände während der entscheidenden Kornfüllung getroffen haben. Wie stark sich das auf Ertrag und Qualität auswirkt, werde sich erst mit dem Drusch zeigen. Beim Raps zeigt sich ein differenziertes Bild. „Von außen sehen die Bestände oftmals gut aus. Bricht man eine Schote auf, findet man unzählige Larven der Kohlschotenmücke“, beschreibt Rust die Situation. Besonders große Sorgen bereitet ihm jedoch der Ölrettich, den der Betrieb in diesem Jahr erstmals auf 100 Hektar zur Saatgutgewinnung anbaut.
„Der Schädlingsbefall in dieser Kultur ist eine Katastrophe. Gleichzeitig stehen uns immer weniger wirksame Pflanzenschutzmittel zur Verfügung, während Resistenzen zunehmen.“
Etwas optimistischer fällt der Blick auf den Mais aus. Sowohl Körner- als auch Silomais hätten von den Niederschlägen der vergangenen Wochen profitiert.
Das eigentliche Problem beginnt nach der Ernte
Mit dem Drusch endet für viele Betriebe die Arbeit auf dem Feld – wirtschaftlich beginnt dann jedoch der schwierigste Teil des Erntejahres. Während die Erträge vieler Kulturen insgesamt auf einem durchschnittlichen Niveau liegen, geraten die Erlöse weiter unter Druck. Qualitätsweizen wird aktuell bundesweit für rund 170 Euro je Tonne gehandelt, Futtergerste für unter 160 Euro. Damit liegen die Getreidepreise erneut deutlich unter dem Niveau des Vorjahres. Gleichzeitig bleiben die Kosten für Dünger, Pflanzenschutz, Energie, Diesel und Löhne hoch.
„Die Ernte stimmt vielerorts. Die Rechnung stimmt immer öfter nicht. Genau diese Schere geht für unsere Betriebe immer weiter auseinander. Wer dauerhaft unter seinen Produktionskosten wirtschaften muss, kann weder investieren noch Rücklagen bilden. Das gefährdet die Zukunft unserer Höfe – und damit langfristig auch die regionale Lebensmittelproduktion“, warnt Bauernpräsident Karsten Trunk.
Landwirtschaft muss sich wieder rechnen
Nach Einschätzung des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern verschärft sich der wirtschaftliche Druck seit Jahren. Die Betriebe investieren in moderne Technik, effizientere Produktionsverfahren und angepasste Fruchtfolgen. Doch Produktivitätsfortschritte stoßen an ihre Grenzen, wenn Erzeugerpreise sinken, Kosten steigen und zusätzliche Auflagen die Wettbewerbsfähigkeit weiter belasten. Der Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern fordert deshalb verlässliche politische Rahmenbedingungen: wettbewerbsfähige Energiepreise, eine sichere Versorgung mit Düngemitteln, schnellere Zulassungsverfahren im Pflanzenschutz sowie einen spürbaren Abbau bürokratischer Vorgaben.
„Wer Versorgungssicherheit will, muss Landwirtschaft ermöglichen, die sich wirtschaftlich trägt. Unsere Betriebe brauchen keine neuen Belastungen, sondern Rahmenbedingungen, unter denen sie investieren, Arbeitsplätze sichern und Lebensmittel produzieren können“, betont Trunk.
Wie sich diese Entwicklung auf den Höfen anfühlt, beschreibt Betriebsleiter Jan-Hendrik Rust mit einem einfachen Vergleich: „Es ist, als würde ein Dachdecker ein Haus fachgerecht eindecken – und am Ende einen Preis erhalten, der nicht einmal Material und Löhne deckt. Die Arbeit ist erledigt, die Qualität stimmt – wirtschaftlich bleibt trotzdem ein Verlust.“ Für Rust bringt genau das die Situation vieler landwirtschaftlicher Betriebe auf den Punkt:
„Entscheidend ist nicht, was vom Feld kommt – sondern was am Ende auf dem Konto ankommt.“



Agrargesellschaft Sietow
Die Agrargesellschaft Sietow wirtschaftet am Westufer der Müritz. Der Betrieb ist spezialisiert auf den Anbau von Marktfrüchten, die Produktion von Substraten für die Biogasproduktion und Saatgutvermehrung.
Im Betrieb bewirtschaften vier Mitarbeiter und drei Erntehelfer 1235 Hektar Ackerfläche und 148 Hektar Grünland.
Neben Winterweizen (354 ha) und Wintergerste (163 ha) baut die Agrargesellschaft Sietow auf 260 ha Winterraps an. In diesem Jahr werden rund 100 ha Ölrettich vermehrt. Außerdem wachsen auf den Feldern des Betriebes Körnermais (130 ha), Silomais (188 ha) und Erbsen (126 ha).
Familie Petersen, die Eigentümerfamilie der Agrargesellschaft Sietow, engagiert sich seit Generationen in der Saatzucht. Am Standort Sietow werden zu diesem Zweck Leistungsprüfungen, Versuche und Vermehrungen angelegt. Züchterisch bearbeitet werden Kulturarten wie Zwischenfrüchte, verschiedene Körnerleguminosen, Roggen und Triticale. Ebenfalls werden bei Bedarf Saatgutvermehrungen angelegt.




